Zehn Jahre Bühne. Sind genug.

Vor fast exakt zehn Jahren – genauer: am 30. Juni 2007 – habe ich mein erstes öffentliches Konzert gespielt. Jener Abend im Heilbronner Cafe Wilhelm war, wie es sich gehört, einer der schlimmsten und zugleich aufregendsten meines Lebens. Vor allem aber war er der Anfang. Von etwas, auf das ich heute nicht ganz ohne Stolz zurückblicke. Etwas, das für mich immer ein Geschenk war. Aber auch etwas, das ich beschlossen habe, nun zu beenden. Denn bei allem was man tut, darf man nie vergessen, dass für alles seine Zeit kommt. Alles ist irgendwann vorüber, alles muss irgendwann enden. Und nachdem ich in den letzten beiden Monaten mit meinen Auftritten beim zehnten Geburtstag von Korsakow und dem wunderbaren Whatever Happens Festival noch zwei Herzensangelegenheiten mitnehmen durfte, weiß ich, dieser Moment ist nun gekommen. Der, in dem es vorbei ist, in dem man die Tür leise hinter sich zu ziehen sollte. Das heißt: Vielleicht wird es irgendwann noch eine oder gar mehrere Platten von mir geben, allein um die Lieder festzuhalten, welche ich schrieb oder noch schreiben werde, doch Auftritte auf den Konzert-und Festivalbühnen dieses Landes wird es nicht mehr geben.

Nun könnte ich selbstverständlich weiter in meinem Kämmerlein sitzen und den Mantel des Schweigens über diesen Entschluß legen. Zukünftige Anfragen nach Konzerten einfach ablehnen. Sozusagen durch die Hintertür entschwinden. Doch mein Gefühl sagt mir, dass ich den zehn Jahren und auch den Menschen, die mich regelmäßig nach zukünftigen Auftritten fragen, eine Erklärung schuldig bin. Die wiederum relativ trivial ist. So sind mir seit meinem ersten Konzert drei Dinge vollkommen bewusst:

1. Es gibt mehr als nur die Minuten und Stunden auf der Bühne. Nämlich die Stunden und Tage davor und danach.
2. Entweder man ist für die Bühne gemacht oder nicht. Dazwischen gibt es nichts und nichts kann das ändern.
3. Ich bin es nicht und werde es nie sein.

Mit alledem kann ich leben, nichts davon machte mir bisher weiter zu schaffen. Schließlich weiß ich ebenso: Es ist ein Privileg und ein Geschenk, dass ich auf der Bühne stehen darf und es Menschen gibt, die mir zuhören. Ganz gleich ob das nun zehn oder hundert sind. Ein Privileg, für das ich immer wieder aufs Neue dankbar war und das ich stets wertgeschätzt habe. Dabei habe ich immer verstanden, das was vor, während und nach der Bühne in mir passiert, ist der Preis und zugleich der Lohn dafür, dass ich dieses Privileg empfangen darf. Einen Preis, den ich bereit war zu bezahlen. Doch genau daran wuchsen in den letzten Monaten, wenn nicht gar Jahren, meine Zweifel, denn je schwerer es mir fällt, die Zeit vor und nach einem Konzert auszuhalten, desto mehr laufe ich Gefahr, die Freude an der Musik zu verlieren, diese nicht mehr frei spüren und ausleben zu können. Was genau das ist, von dem ich mir schwor, es nie zuzulassen.

Ich weiß nicht, mit wie vielen Bands ich in den letzten Jahren eine Bühne teilte. Ich weiß nicht, mit wie vielen Musikern und Bands ich einen trinken war und meine Gage verzecht habe. Ich weiß nicht, mit wie vielen ich Freundschaft schloß und wie vielen ich am liebsten eine aufs Maul gegeben hätte. Ich weiß nicht, wie viele Kilometer ich zurückgelegt habe, wie viele Städte ich sah, auf wie vielen fremden Böden, Luftmatratzen und Sofas ich schlief. Ich weiß nur, es waren eine Menge und um jeden einzelnen bin ich froh. Ich habe viele viele Lieder gesungen, viele viele Geschichten erlebt, aber vor allem, und das ist das wichtigste, es gab so verdammt viele Menschen, die tatsächlich bereit waren mir zuzuhören. Mehr, als ich je gedacht hätte. All diese Menschen haben mir jene zehn Jahre, jene Lieder, jene Geschichten, ermöglicht.

Manchmal, wenn ich von der Bühne ging und mich erstmal im Stillen sammeln musste, ging mir die Refrainzeile aus Bowies Heroes durch den Kopf. Denn tatsächlich, wenn ich auf der Bühne sang, die Zeit still stand und mein ganzes Universum nur aus diesem Moment bestand, dann fühlte ich mich wie ein Held für einen Tag. Und das war nur möglich, weil es die gab, die vor der Bühne standen und mit mir sangen und fühlten.

Darum beende ich diese zehn Jahre nun mit einem Lächeln. Mit tiefster Dankbarkeit und einer Verbeugung vor all denen, die zuhörten und mich begleitet haben. Wenn es laut war, wenn es leise war. Es war schön, doch meine 15 Minuten Ruhm sind vorüber, der Kreis schließt sich nun.

We can be heroes, just for one day.

Klein groß

Ich bin zurück vom Whatever Happens Festival in Schloss Holte-Stukenbrock (ich weiß, was der Leser nun denkt: Vom Namen her ist dieses kleine Dörfchen in NRW eine echte Metropole, mindestens. Aber das nur am Rande). Und bin verzaubert von dem, was dort auf die Beine gestellt wurde. Ein kleines aber feines Open-Air, mit ca. 200 Anwesenden, gutem Essen, gutem Bier, viel Musik, einer wunderbaren Umgebung. Vor allem aber: Viel Harmonie, Hingabe und Gemeinschaftssinn.

Da das Festivalgelände aus einem Gutshof samt dazugehörigen Weiden und Wald bestand (d.h. auch solch herrliches Viechzeugs wie Ponys, Pferde, Hasen, Hühner, etc. gehörte zu den Anwesenden, auch wenn sie nicht bei den genannten 200 eingerechnet sind), der von Privatpersonen bewohnt und zur Verfügung gestellt wurde, lautete die oberste Maxime für alle, nichts kaputt zu machen und keine Sauerei zu hinterlassen. Und es gab tatsächlich niemanden, der sich nicht daran hielt. So war der Boden am Ende nicht übersät mit Kippenresten. Es lagen kein Müll, keine leeren Flaschen, keine Bierbecher, etc. herum. Nichts. Stattdessen war jeder einzelne froh, dass er Teil dieser Gemeinschaft sein durfte und sich bewusst, wie viel Mühe und Zeit von einigen aufgewendet wurde, damit dieses Festival so stattfinden konnte. Ergo tat jeder sein bestes, um sich als guter Gast zu präsentieren.

In zehn Jahren (genauer, am 30. Juni ist mein erstes Konzert exakt zehn Jahre her) habe ich so etwas noch nicht erlebt. Auch habe ich es noch nicht erlebt, dass ich von meinem Platz auf der Bühne aus auf Ponys und Pferde blicke, während ich meine Lieder singe. Darum hoffe ich sehr, dass das erste Whatever Happens Festival nur der Anfang war. Von etwas Kleinem, das ganz groß ist.

Ein Video-Mitschnitt meiner Darbietung vom Samstag folgt evtl. bald an dieser Stelle. Bis dahin gibt es zumindest diese drei Bilder ohne Ton von Herrn Ralf Synowzik.

Maßstäbe

Setze ich mich in die erste Klasse des ICE und fahre für mehrere hundert Euro bequem von Berlin nach Stuttgart, fragt man mich, warum zum Teufel ich so viel Geld für etwas ausgebe, das ich auch günstiger haben kann.

Setze ich mich in einen Fernsbus und fahre für wenige Euro verdammt unbequem von Berlin nach Stuttgart, klopft man mir auf die Schulter und lobt mich dafür, dass ich so wenig Geld für die Reise ausgegeben habe.

Dass ich mich bei Variante 1 recht wohl fühle, weil ich bequem reisen kann und obendrein noch den umweltverträglichsten Weg wähle, ist schön und gut, kommt aber nie an gegen das Argument, dass Variante 2 zwar jeden Knochen strapaziert, dafür aber so gut wie nichts kostet. Denn das, um zum Punkt zu kommen, ist der Maßstab: Der Preis. Was kostet es? Was spare ich dadurch? Welchen geldwerten Vorteil erziele ich damit? Das ist relevant. Dass es mir mit der teureren Variante vielleicht besser geht, dass die teurere Variante vielleicht moralisch gesehen die bessere ist, usw. , das ist nur untergeordnet von Bedeutung.

Der Maßstab ist der Preis. Geld als Orientierungshilfe. Denn dieses wollen wir haben, aber nur ausgeben wo nötig. Und gespartes Geld wiegt jedes moralische Bedenken auf. Mehr Geld auszugeben ist dann fast so verwerflich wie das Verschwenden von Zeit. Auch hier, es sollte nur so viel in Anspruch genommen werden wie unbedingt notwendig. Zeit zu verschwenden oder vermeintlich sinnlos zu vergeuden, eine Sünde. Was dann allerdings die Frage aufwirft, die ein Graffiti stellt, das ich neulich in Berlin sah: Was machen wir eigentlich mit den Sekunden, die wir sparen, wenn wir LG ins Handy tippen, anstatt Liebe Grüße? Denn wir versuchen Zeit und Geld zu sparen wo wir nur können, ohne anschließend aber wirklich in der Lage zu sein, beides auch sinnvoll zu nutzen.

Der Maßstab unserer Zeit. Den ich ganz bewusst nicht mehr anwende. Um Mensch zu bleiben.